Studium gestern und heute – der ehemalige Professor für Baustatik erinnert sich
Horst Sahlmann hält auch mit 90 Jahren seiner Hochschule die Treue und sich selbst fit: Zweimal die Woche trainiert er in der Sporthalle gemeinsam mit anderen Ehemaligen Kraftsport und Badminton.
Im September 1955 wurde er an der Hochschule für Bauwesen Leipzig immatrikuliert – im Fachbereich Konstruktiver Ingenieurbau an der Fakultät Bauingenieurwesen.
Wir haben uns mit ihm zu seinem Werdegang und über das Studium an einer der Vorgängereinrichtungen der HTWK Leipzig unterhalten.
Helen Arens: Sie sind seit mehr als 70 Jahren mit der heutigen HTWK Leipzig verbunden – können Sie sich noch an Ihren ersten Tag, die erste Zeit an der HTWK bzw. ihrer Vorgängereinrichtung, der Hochschule für Bauwesen und der Technischen Hochschule, erinnern?
Host Sahlmann: Der Beginn des Studiums war gleichzeitig ein vollkommen neuer Lebensabschnitt für mich. Nach erfolgreichem Abschluss der Grundschule in einem kleinen mecklenburgischen Dorf und dem Bestehen der Abiturprüfung an der Oberschule in der Kreisstadt hatte ich mich für ein Studium in Leipzig an der zwei Jahre zuvor neu gegründeten Hochschule für Bauwesen beworben und war zum Studium des Bauingenieurwesens zusammen mit 90 Kommilitonen und Kommilitoninnen zugelassen worden.
Vor dem Vorlesungsbeginn weilte ich für einen Tag in Leipzig zu organisatorischen Vorbereitungen, die übrigens hervorragend organisiert waren. Ich bekam nicht nur die Einteilung in eine der drei Seminargruppen und den ersten Stundenplan überreicht, sondern auch die Zuweisung eines Zimmers bei einer Leipziger Familie, den Stipendienantrag, die Berechtigung für die Fahrpreisermäßigung für die Heimfahrten.
Warum wollten Sie gerade hier studieren?
Nach dem erfolgreichen Bestehen des Abiturs stand mein Wunsch nach Aufnahme eines Studiums fest, nicht aber die Fachrichtung. Der Vater eines Mitschülers, selbst Bauingenieur, empfahl mir das Studium in der Fachrichtung Bauingenieurwesen und gab mir gleichzeitig den Hinweis, mich an der Hochschule für Bauwesen Leipzig zu bewerben, da dort noch Studienplätze frei waren.
Wie kann Ihr damaliges Studium mit dem heutigen verglichen werden?
Gar nicht! Es gab überhaupt keine der technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit. Der Unterricht war reiner Frontalunterricht mit Tafel und Kreide und Mitschrift mit Bleistift oder Tinte auf liniertem oder kariertem Papier. Als Rechenhilfsmittel standen nur Rechenschieber und Logarithmentafeln zur Verfügung. Das Studium des Bauingenieurwesens war damals elf Semester, das heißt, viereinhalb Jahre lang, ohne Teilung wie heute in Bachelor und Master, und zusätzlich kam noch ein Diplomsemester zur Ausfertigung der Diplomarbeit hinzu.
Sie sind den Weg vom Studenten bis zum Professor gegangen – was hat Sie dazu bewogen?
Der Weg meines beruflichen Werdegangs war mir nicht vorgeschrieben und überhaupt nicht planbar. Auf Empfehlung meines Betreuers der Diplomarbeit habe ich mich nach dem erfolgreichen Studienabschluss auf eine neu eingerichtete Stelle als Assistent am Lehrstuhl für Technische Mechanik und Statik der Baukonstruktionen beworben und die Stelle auch bekommen. Am 2. Mai 1961 – also vor nunmehr 55 Jahren – habe ich die Stelle angetreten und bin seitdem immer an der Hochschule geblieben.
Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen? Was hat Ihnen am meisten Freude bereitet?
Der Weg vom Studenten zum Professor war keinesfalls vorgesehen. Nach der erfolgreichen Promotion wurde ich zum wissenschaftlichen Oberassistenten berufen, nach der Habilitation zum Hochschuldozenten. Nach Schließung der Technischen Hochschule Leipzig im Jahre 1993 konnte ich mich erfolgreich auf die ausgeschriebene Professur für Baustatik an der 1992 neu gegründeten HTWK Leipzig bewerben und habe sie im Berufungsverfahren auch erhalten. Am meisten Freude hat mir der tägliche Kontakt mit den Studenten in den Seminaren, Konsultationen und später in den Vorlesungen gemacht.

Gibt es ein Projekt, eine Vorlesung oder Veranstaltung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Die Mitarbeiter der Hochschule waren angehalten, sich entweder an der persönlichen Qualifizierung oder an Forschungsprojekten zu beteiligen. Im Nachhinein war am wichtigsten für mich die Leitung einer interdisziplinären Forschungsgruppe zur Erarbeitung von Baunormen zur Instandsetzung beschädigter Stahlbetonbauten. An der Gruppe war – neben Mitarbeitern aus der Hochschule, der Material- und Prüfanstalt Leipzig und eines großen Baubetriebes ins Brandenburg (Havel) – das Instituts für Industriebau in Berlin beteiligt. Das erfolgreiche Ergebnis waren die Veröffentlichung von Bauwerksnormen selbst, aber auch die Grundlage meiner Habilitationsschrift, von mehreren Diplomarbeiten von Studenten, von Dissertationen meiner Mitarbeiter und nach der Wende vieler Projekte zur Instandsetzung und Modernisierung von Industriebauten und Wohngebäuden.
Auch nach Ihrer Emeritierung sind Sie der HTWK treu geblieben – über den Hochschulsport. Wie kam es dazu?
Nach meinem Ausscheiden aus der Hochschule hat mich einer unserer Sportlehrer eingeladen, an einer Sportgruppe teilzunehmen, die er – ebenfalls nach seinem Ausscheiden aus der Hochschultätigkeit – gegründet hat, teilzunehmen. Seit diesem Tage bin ich Mitglied dieser Gruppe, der „Brigade Kraft“.
Was verbindet Sie mit der ,,Brigade Kraft“?
Zum einen natürlich die regelmäßige sportliche Betätigung, die im Alter eminent wichtig ist, zum anderen das gute kameradschaftliche Verhältnis der Mitglieder untereinander, und dass die Gruppe nach dem Sport nicht auseinandergeht, sondern sich nach dem Sport immer noch unterhält und beisammensitzt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Helen Arens, studentische Hilfskraft im Bereich Relationshipmanagement und Wissenstransfer, im Juni 2026.

